Frege, I., Grümer, K., Vollmer, H. C., Domma, J.

Assessment beruflicher Problemlagen in der Psychosomatik zur Identifizierung von MBOR Zielgruppen

2020

Deutsche Rentenversicherung, DRV-Schriften, Band 120, S. 57-58

Vollständiger Tagungsband (kostenfrei auf der Webseite der DRV): http://forschung.
deutsche-rentenversicherung.de/ForschPortalWeb/ressource?
key=tagungsband_29_reha_kolloqu.pdf

Hintergrund und Zielstellung Inwiefern ist mittels SIMBO (Streibelt, 2010), AVEM (Schaarschmidt & Fischer, 2008) und berufsbezogenen Merkmalen eine Klassifikation für MBOR Zielgruppen möglich mit dem Ziel der Ableitung individueller Behandlungspläne entsprechend den berufsbezogenen Problemlagen der Rehabilitandinnen und Rehabilitanden?

Methoden 1225 Rehabilitandinnen und Rehabilitanden (Alter 46,5 Jahre, weiblich 41%, Schulbildung >= Mittlere Reife: 56 %, häufigste Erstdiagnosen Depression 53 %, Anpassungsstörung 17 %) wurden in der ersten Behandlungswoche auf der Grundlage klinischer Interviews durch erfahrene Fachärztinnen unter Einbeziehung eines multidisziplinären Teams mit sozialmedizinischer Kompetenz den MBOR Zielgruppen A (N=456), B (N=693) und C (N=76) zugeteilt. Mittels Mann-Whitney U-test und Chi Quadrat Tests wurden Unterschiede zwischen den drei Gruppen ermittelt und anschließend eine Regressionsfunktion zur Unterscheidung der MBOR Zielgruppen erstellt.

Ergebnisse Mittels einem Simbo Cut off Wert > 30 (Streibelt, 2010) wurden 90,6 % richtig als BBPL Personen identifiziert, 9.3% wurden nicht erkannt. Aber auch 34,1 % der Gruppe A hatten einen Simbo Wert > 30. Zwar unterschieden sich die Gruppen in den Mittelwerten des Simbo (A: 25,4, B: 57,4, C: 60,6), ein Cut off Wert zwischen den Gruppen B und C war aber nicht zu ermitteln, auch nicht durch das Item „nicht mehr in dem alten Beruf arbeiten zu können“, was von 10,4 % der Gruppe A und 26,4 % der Gruppe B bejaht wurde. Ähnliche Ergebnisse ergaben sich mit einigen Skalen des Avem. Sehr auffällige Werte in mangelnder Distanzierungsfähigkeit hatten 41,9 % der Gruppe A, 56,6 % der Gruppe B und 62,8 % der Gruppe C. Sehr unzufrieden mit ihrem Leben waren 46,9 % der Gruppe A, 64,8 % der Gruppe B und 72,4 % der Gruppe C. Trotz der Zunahme des Anteils sehr unzufriedener und von der Arbeit distanzierungsunfähiger Rehabilitandinnen und Rehabilitanden ergaben sich nur signifikante Unterschiede im Vergleich A vs. B/C (p < .001). Eine bis zu sechsmonatige Arbeitsunfähigkeit zu Behandlungsbeginn war kein Hinweis auf eine besondere berufsbezogene Problemlage. Erst Rehabilitandinnen und Rehabilitanden mit AU-Zeiten über 6 Monate hatten eine über 75 %ige Wahrscheinlichkeit für die Notwendigkeit von MBOR Kernangeboten. Aber bei 21 % der Patienten mit über sechsmonatigen AU Zeiten waren entsprechend unserer intensiven berufsbezogenen Diagnostik incl. Anforderungs- und Fähigkeitsprofilen beruflich orientierte Basisangebote ausreichend (Gruppe A). Mittels der Variablen Simbo (p < .001), Distanzierungsfähigkeit (p < .001), Lebenszufriedenheit (p < .05) und Schulbildung (p < .001) konnte eine Regressionsfunktion erstellt werden, mit einer 44%igen Varianzaufklärung für die Klassifikation der MBOR Zielgruppe B/C.

Diskussion und Fazit Der AVEM und insbesondere der SIMBO eignen sich ausgezeichnet für ein erstes Screening besonderer berufsbezogener Problemlagen. Während im SIMBO sehr konkrete berufsbezogene Merkmale erfragt werden, wie z.B. AU-Zeiten und Arbeitslosigkeit, erfasst der AVEM psychische Merkmale berufsbezogener Probleme. Unsere Ergebnisse verdeutlichen, dass unabhängig vom subjektiven klinischen Eindruck eine Klassifikation bezüglich indizierter MBOR-Angebote möglich ist, aber noch weiterer Forschung bedarf. Auch bei Verbesserung der Messinstrumente werden wir in Zukunft nicht auf eine intensive berufsbezogene Diagnostik einschließlich einer differenzierten Exploration der Anforderungs- und Fähigkeitsprofile der Rehabilitandinnen und Rehabilitanden verzichten können, um individuelle Therapieziele zu vereinbaren und Behandlungsangebote abzuleiten. Der hohe Anteil von BBPL-Patienten mit starken Problemen in der Distanzierungsfähigkeit und der Lebenszufriedenheit lässt auf die Notwendigkeit von Interventionen zur Reduzierung von Stress und depressiven Stimmungen schließen, neben den psychosozialen, ergo- und arbeitstherapeutischen Basis- und Kern-Maßnahmen (Deutsche Rentenversicherung, 2015).

Ein methodisches Problem ergibt sich dadurch, dass eine erfolgreiche Behandlung von BBPL- Rehabilitanden keine Validierung der Assessment-Instrumente gestattet. Zur Verbesserung der testtheoretischen Kriterien sind weitere Studien notwendig, die sich auf den aktuellen Zustand bei Antragstellung und Behandlungsbeginn beziehen und in ein theoretisches Netzwerk eingebunden werden.

Literatur
Deutsche Rentenversicherung (2015): Medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation.
Schaarschmidt, U., Fischer, A.W. (2008). AVEM Arbeitsbezogenes Verhaltens- und Erlebensmuster. London: Pearson.
Streibelt, M. (2010): SIMBO – ein Screening-Instrument zur Feststellung des Bedarfs an Medizinisch Beruflich Orientierten Maßnahmen in der medizinischen Rehabilitation.

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