
Das IFT hat für seinen Forschungsbereich keinen eigenen Finanzhaushalt. Alle Forschungsprojekte werden durch projektgebundene Zuwendungen oder Aufträge finanziert. Diese vollständige Abhängigkeit von Drittmitteln macht das Institut grundsätzlich beeinflussbar durch Interessen der Geldgeber, und erfordert deshalb eine besondere Sensibilität der Institutsleitung und der Institutsmitarbeiter in diesem Bereich sowie eine Offenlegung der Zuwendungsgeber und der möglicherweise vorhandenen Auflagen für einzelne Projekte. Das Recht auf unabhängige Interpretation und Publikation der Forschungsarbeit steht dabei für das IFT im Vordergrund.
Grundsätzlich trifft das Risiko einer problematischen Einflussnahme für öffentliche und private (gewerbliche) Geldgeber des IFT gleichermaßen zu. In der Praxis gibt es Unterschiede:
1. Finanzierungsquellen für die Forschungsarbeit
1.1 Öffentliche Finanzierung
Die öffentlichen Geldgeber des IFT haben ganz unterschiedliche Regeln für die Vergabe finanzieller Mittel zur Durchführung von Forschungsprojekten. Bei den Förderungen aus Mitteln des BMBF (DLR) besteht eine vollständige Unabhängigkeit hinsichtlich Fragestellungen, Untersuchungsplan, wissenschaftlicher Auswertung, Interpretation und Publikation der Ergebnisse. Fragestellungen werden von Institutsmitarbeitern ausgewählt, Projekte eigenständig geplant und vom Ministerium nach internationaler Begutachtung bewilligt.
Bei den weiteren Bundes- und Landesbehörden ist zumeist das Thema oder die allgemeine Fragestellung vorgegeben (z. B. Weiterentwicklung und jährliche statistische Auswertung der Dokumentation der Suchtkrankenhilfe oder Durchführung einer Repräsentativerhebung zum Substanzmissbrauch in der Bevölkerung). Spezifische Hypothesen, Untersuchungsdesign, statistische Auswertung, Interpretation und Publikation der Ergebnisse sind aber vertraglich nicht eingeschränkt und in der Freiheit des Instituts.
1.2 Gewerbliche Finanzierung
Der Anteil gewerblicher Forschungsförderung am finanziellen Haushalts des Instituts ist seit Gründung des IFT 1973 sehr gering. Da die Finanzierung aber überwiegend durch Organisationen und Firmen erfolgt, die psychoaktive Substanzen herstellen oder vertreiben (z. B. Alkoholwirtschaft oder pharmazeutische Industrie) oder im Glücksspielbereich tätig sind, und wegen der international bekannt gewordenen Vorfälle der Beeinflussung von Wissenschaftlern, gilt hier eine besondere Sorgfalt. Das IFT lehnt eine Finanzierung von Forschung durch gewerbliche Institutionen nicht grundsätzlich ab, ist sich aber der besonderen Verantwortung in diesem Bereich bewusst. In Zeiten knapper bzw. sogar zurückgehender öffentlicher Forschungsförderung sowie der direkten Aufforderung durch die Politik, die drittmittelgeförderte, industriefinanzierte Forschung – auch als Zeichen persönlicher Forschungsqualität – stark auszuweiten, ist es kaum möglich, auf solche Finanzierungsquellen grundsätzlich zu verzichten. Das Institut hat sich in diesem Zusammenhang folgende Regeln gesetzt:
- Forschungsanfragen (das heißt zur Durchführung einer Studie zu einer vorgegebenen Fragestellung) werden nur dann akzeptiert, wenn (1) die Fragestellung global formuliert ist (z. B. Umfang des Missbrauchs eines Medikaments in der Bevölkerung) und nicht in gerichteter Form (z. B. die Studie soll zeigen, dass irgendein Verhalten keine Gefahr für die Bevölkerung darstellt), und wenn (2) die freie und unbeeinflusste weitere Gestaltung der Studie gesichert ist.
- Voraussetzung für die Annahme industrieller Mittel ist weiterhin die eigenständige Formulierung der Forschungsziele, Hypothesen und der Untersuchungsmethodik, sowie die unbeeinflusste statistische Auswertung, Interpretation und Publikation der Ergebnisse. Die Mittel müssen an das IFT als ungebundener Forschungszuschuss bewilligt werden.
- Derzeit keine Annahme einer finanziellen Förderung von Forschungsprojekten durch die Tabakindustrie (Begründung: Langjährige einseitige Beeinflussung von Wissenschaftlern und wissenschaftlichen Ergebnissen).
- Eine einzelne gewerbliche Finanzierungsorganisation darf nicht mehr als 10% zum Gesamthaushalt beitragen, alle gewerblichen Organisationen zusammen nicht mehr als 20% (diese Grenzen wurden bisher nie erreicht, der übliche Wert liegt bei 2 bis 5 % pro Jahr)
- Alle Ergebnisse werden der Öffentlichkeit durch Publikationen zugänglich gemacht.
- Finanzielle Förderungen und damit verbundene mögliche Interessenskonflikte werden bei den Projekten auf der Webseite des IFT sowie bei den einzelnen Publikationen deklariert (siehe z. B. die entsprechenden Angaben zum Monitoring „Spielverhalten in Deutschland“, www.ift.de/index.php).
1.3 Finanzierung durch Institutionen im Übergangsbereich von öffentlicher Hand und gewerblicher Wirtschaft
Es handelt sich hier zum Beispiel um Wohlfahrtsverbände, Krankenkassen, Verbände der gewerblichen Wirtschaft. Zumeist lassen sich diese Organisationen dem staatlichen oder gewerblichen Bereich zuordnen. Das IFT wendet dann die jeweils gültigen Regeln an.
2. Bisherige Förderungsorganisationen
2.1 Öffentliche Finanzierung
Seit 1973 ist das IFT auf dem Gebiet der anwendungsbezogenen Forschung in den Bereichen Epidemiologie, Prävention und Behandlung von Substanzstörungen, Essstörungen, Adipositas und Pathologisches Glücksspielen tätig. Das jährliche Budget von ca. 2,5 Millionen Euro wird hauptsächlich von öffentlichen Geldgebern wie dem Bundesministerium für Gesundheit, Bundesministerium für Bildung und Forschung, Staatsministerien, Krankenkassen und Europäischen Behörden finanziert. 140 Forschungsprojekte wurden auf diese Weise finanziert.
2.2 Gewerbliche Finanzierung
Der Anteil an gewerblicher (industrieller) Finanzierung beträgt 0 bis 5 % des jährlichen Haushalts (derzeit 0 %).
Folgende Projekte wurden aus Mitteln der Pharmaindustrie finanziert
- Schulung von Kursleitern zur Raucherentwöhnung (2002/2003; Pharmacia; Dr. Kröger)
- Monitoring des Missbrauchs von Sibutramin (2003; Abbott; Simon, Dr. Kraus, Dr. Küfner)
- Vergleichende Analysen von Substitutionsmitteln für Drogenabhängige (2004-2006; Aventis; Dr. Küfner).
Die wissenschaftliche Vorbereitung einer Konferenz zu alkoholbezogenen Störungen, die 2001 gemeinsam von der Bundesregierung, den Bundesländern und der Alkoholwirtschaft veranstaltet wurde, und eine Publikation über die Ergebnisse der Konferenz wurde zu einem Drittel von einem Verband der Alkoholwirtschaft finanziert.
Organisationen der Glücksspielwirtschaft haben die folgenden Projekte finanziert
- Epidemiologische Studien zur Prävalenz des Spielens an Geldspielautomaten (mehrere Förderungen zwischen 1986 und 1997)
- Zwei Langzeitstudien mit Spielern zur Analyse der Risikofaktoren und des Glücksspielverlaufs (1987-1990 und 1992-1995)
- Expertise zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden von verschiedenen Formen von Geldspielautomaten in Spielhallen und Spielcasinos (2004)
- Evaluation des Sozialkonzepts der Baden-Württembergischen Spielbanken für das Casino in Stuttgart (2004)
- Entwicklung eines Monitoring Systems zu den Trends im Glücksspielverhalten in Deutschland und zur Nutzung von Behandlungsangeboten (bis Anfang 2008). Die Bevölkerungsstudien und die Auswertung der Behandlungsdokumentationen, die die Grundlage für das Monitoring sind, werden vom Bundesministerium für Gesundheit finanziert.
3. Vorträge für Organisationen der gewerblichen Wirtschaft
- New EU Regulation on New Synthetic Drugs and Options to Monitor Misuse of Pharmaceutics when a Potential of Abuse Exists (Vortrag, JJRWJ-333369 Abuse Liability Advisory Board Meeting; Februar 2005; Simon)
- Alkoholische Getränke zwischen Genuss, Nutzen und Schaden: Wer trägt die Verantwortung? (Vortrag, Mai 2006, Deutscher Brauerbund; Prof. Bühringer)
- Überblick über 20 Jahre Forschung zum Pathologischen Spielverhalten (Geldspielautomaten) (Vortrag, Mai 2006; Spitzenverbände der Automatenwirtschaft und Gäste von Behörden und Verbänden; Prof. Bühringer)
- Pathologisches Spielverhalten und Präventionskonzepte (Vortrag, Oktober 2006, Dow Jones; Teilnehmer von Behörden, gewerblichen Sportwetten und dem staatlichem Lottomonopol; Prof. Bühringer).
4. Weiterentwicklungen
Das IFT versucht, seine Regelungen zur gewerblich geförderten Forschung ständig weiterzuentwickeln. Der Leiter des Instituts ist als Chefredakteur einer Suchtzeitschrift in einer internationalen Organisation solcher Fachzeitschriften tätig (ISAJE International Society of Addiction Journal Editors - www.isaje.net), die sich seit Jahren mit der Handhabung solcher möglicher Interessenskonflikte beschäftigt. Derzeit wird angestrebt, zusammen mit anderen Wissenschaftlern eine Art „Charta“ für die Durchführung von Forschungsprojekten mit einer gewerblichen Finanzierung zu entwickeln, um zusätzlich zur internen Verantwortung und Kontrolle eine externe Kontrolle aufzubauen.
(zuletzt überarbeitet am 30.09.2009)

