
Ludwig Kraus & Gerhard Bühringer (zuletzt aktualisiert 12.08.2008)
Datenquellen
Missbrauch und Abhängigkeit
Die Schätzungen der Personen mit Missbrauch oder Abhängigkeit nach DSM-IV von Alkohol, Cannbis und Tabak basieren auf den Daten des Epidemiologischen Suchtsurveys 2006 (Kraus, 2008). Für Hypnotika/Sedativa und für Medikamente stützen sich die Hochrechnungen auf die Daten des Epidemiologischen Suchtsurveys 2000, einer schriftlichen Befragung von 8.139 18- bis 59-jährigen Personen (Kraus & Augustin, 2001). Den Hochrechnungen liegen die vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Bevölkerungszahlen zum 31.12.2000 zugrunde (47,3 Mio. 18-59-Jährige) sowie die Zahlen zum 31.12.2005 (52,0 Mio. 18-64-Jährige). Missbrauch und Abhängigkeit von Alkohol und Cannabis wurden nach den Kriterien des DSM-IV erfasst (Saß et al., 1998), so dass sich unter den Personen mit Missbrauchssymptomatik keine Abhängigen befinden.
Wegen der schlechten Erreichbarkeit von Personen mit Abhängigkeit oder Missbrauch von anderen illegalen Drogen als Cannabis und der damit verbundenen Unterschätzung der Prävalenz dieser Störungen (Korf, 1997), wird hier auf eine Hochrechnung aus den Angaben des Epidemiologischen Suchtsurvey verzichtet. Stattdessen wird auf Schätzungen der Anzahl problematischer Konsumenten aus Behandlungs- und Polizeidaten zurückgegriffen. Die Methodik ist in Augustin & Kraus (2004) ausführlich beschrieben. Die Schätzung aus Behandlungsdaten wurde aber modifiziert: Seit 2003 steht mit der Krankenhausdiagnosestatistik (Statistisches Bundesamt, 2005a, 2005b) eine Vollerhebung stationärer Einrichtungen zur Verfügung, auf die Hochrechnung aus den Angaben stationärer Einrichtungen der Deutschen Suchthilfestatistik kann daher verzichtet werden. Die Schätzung aus Behandlungsdaten setzt sich somit zusammen aus einer Hochrechnung der Angaben ambulanter Einrichtungen der Deutschen Suchthilfestatistik, aus den Angaben in der Krankenhausdiagnosestatistik sowie aus einer Schätzung der Anzahl von Patienten, die im gleichen Jahr stationär und ambulant behandelt wurden. Die Schätzung aus Polizeidaten basiert auf der mit einem Dunkelfeldfaktor korrigierten Anzahl der Erstauffälligen, die über einem Zeitraum von 8-10 Jahren aufsummiert wird. Dieser Zeitraum entspricht der geschätzten mittleren Dauer der Abhängigkeit von Opiaten. Die Anzahl von Personen mit problematischem Konsum von Opiaten bzw. von Opiaten, Amphetaminen und/oder Kokain/Crack wurden für das Jahr 2006 geschätzt.
Behandlungsfälle
Die Schätzungen der Anzahl Behandelter mit einer Hauptdiagnose Abhängigkeit oder schädlicher Gebrauch von Alkohol, Hypnotika/Sedativa, Cannabis, anderen Drogen als Cannabis oder Opiaten nach ICD-10 basieren auf der Deutschen Suchthilfestatistik (Strobl et al., 2005a, 2005b), der Krankenhausdiagnosestatistik (Statistisches Bundesamt, 2005a, 2005b) sowie dem Substitutionsregister (zitiert nach Simon et al., 2005). Darüber hinaus gehen in die Berechnung Schätzungen für Doppelnennungen (Personen, die in mehreren ambulanten Einrichtungen betreut wurden oder sich mehrmals im Jahr in stationärer Behandlung befanden) und Überschneidungen zwischen den Statistiken (z.B. Personen, die im gleichen Jahr ambulant und stationär behandelt wurden) ein.
Die Diagnostik der deutschen Suchthilfestatistik basiert auf den Operationalisierungen von schädlichem Gebrauch und Abhängigkeit gemäß ICD-10 (World Health Organisation, 1992), in der Krankenhausdiagnosestatistik werden auch akute Intoxikationen berücksichtigt. Da die Krankenhausdiagnosestatistik erst seit 2003 erhoben wird und dadurch auch erst jetzt Eingang in die Schätzung der Anzahl Behandelter Eingang findet, sind die neuen Ergebnisse nicht mit denen vergangener Jahre vergleichbar.
Zu Behandlung von Tabakabhängigkeit sowie der Abhängigkeit von anderen Medikamenten als Hypnotika/Sedativa (z.B. Schmerzmittel) liegen keine ausreichenden Datenquellen vor.
Anmerkung
Sowohl bei der Schätzung der Anzahl von Personen mit substanzbezogenen Störungen als auch bei der Schätzung der behandelten Personen werden Ergebnisse lokaler Studien verwendet. So wird z.B. der Anteil Substituierter in ambulanten Einrichtungen aus einer Hamburger Studie übernommen (Bado, 2005), die Schätzungen für Doppelnennungen stammen aus Studien in Hessen und in Hamburg (Bado, 2005, Hessische Landesstelle für Suchtfragen, 2005). Obwohl Ergebnisse lokaler Studien stark variieren können (Korf, 1997) und damit die Übertragbarkeit einzelner Ergebnisse auf nationale Ebene nicht gewährleistet ist, ist diese Vorgehensweise durchaus üblich (Kraus et al., 2003) und wird auch von der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht empfohlen (European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction, 1999). Die gewählten Methoden stellen derzeit die besten verfügbaren Schätzverfahren dar. Da einige Parameter in den Berechnungsverfahren aktualisiert wurden, sind die unten genannten Ergebnisse nicht mit früheren Ergebnissen vergleichbar.
Definitionen und Berechnungsgrundlagen
Alkohol
- Missbrauch: 3,8%, 2,0 Mio. 18-64-Jährige (95%-KI: 1,8 Mio.-2,3 Mio.)
- Abhängigkeit: 2,4%, 1,3 Mio. 18-64-Jährige (95%-KI: 1,1 Mio.-1,5 Mio.)
- In Behandlung: 370.000-440.000 Personen (Mittelwert: 405.000 Personen; 0,5% der Gesamtbevölkerung)
Tabak
- Missbrauch: keine Diagnosekriterien
- Abhängigkeit: 7,3%, 3,8 Mio. 18-64-Jährige (95%-KI: 3,5 Mio.-4,2 Mio.)
- In Behandlung: keine ausreichende Schätzgrundlage
Medikamente
- Missbrauch: keine ausreichende Schätzgrundlage
- Abhängigkeit: 2,9%, 1,4 Mio. 18-59-Jährige
- In Behandlung: keine ausreichende Schätzgrundlage
Hypnotika/Sedativa
- Missbrauch: keine ausreichende Schätzgrundlage
- Abhängigkeit: 0,8%, 380.000 18-59-Jährige
- In Behandlung: 8.900 Personen (0,01% der Gesamtbevölkerung)
Cannabis
- Missbrauch: 0,7%, 380.000 18-64-Jährige (95%-KI: 290.000-500.000)
- Abhängigkeit: 0,4%, 220.000 18-64-Jährige (95%-KI: 155.000-310.000)
- In Behandlung: 30.000-35.500 Personen (Mittelwert: 33.000 Personen; 0,04% der Gesamtbevölkerung)
Illegale Drogen außer Cannabis (Opiate, Kokain, Stimulantien, Halluzinogene)
- Problematischer Konsum (Hochrechnung aus Behandlungsdaten, i.d.R. Personen mit Missbrauch oder Anhängigkeit): 167.000-199.000 Personen (Mittelwert: 183.000 Personen; 0,2% der Gesamtbevölkerung, Pfeiffer-Gerschel et al., 2007)
- Missbrauch: keine ausreichende Schätzgrundlage
- Abhängigkeit: keine ausreichende Schätzgrundlage
- In Behandlung: 105.000-112.000 Personen (Mittelwert: 109.000 Personen; 0,13% der Gesamtbevölkerung)
Opiate
- Problematischer Konsum (i.d.R. Personen mit Missbrauch oder Anhängigkeit): 136.000-161.000 Personen (Hochrechnung aus Behandlungsdaten) bzw. 117.000-159.000 Personen (Hochrechnung aus Polizeikontakten) (Quelle: Pfeiffer-Gerschel et al., 2007; Mittelwert: 138.000 Personen; 0,2% der Gesamtbevölkerung)
- Missbrauch: keine ausreichende Schätzgrundlage
- Abhängigkeit: keine ausreichende Schätzgrundlage
- In Behandlung: 100.000-106.000 Personen (Mittelwert: 103.000 Personen; 0,13% der Gesamtbevölkerung)
Literatur
Augustin, R. & Kraus, L. (2004). Changes in prevalence of problem opiate use in Germany between 1990-2000. European Addiction Research, 10, 61-67.
Bado (Hrsg.) (2005). Ambulante Suchthilfe in Hamburg. Statusbericht 2004 der Hamburger Basisdatendokumentation. Kreutzfeld Electronic Publishing: Hamburg.
European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction EMCDDA (1999). Draft guidelines. Methods of prevalence estimation. Study to obtain comparable national estimates of problem drug use prevalence for all EU member states. Lissabon: EMCDDA.
Hessische Landesstelle für Suchtfragen (Hrsg.) (2005). Landesauswertung der computergestützten Basisdokumentation der ambulanten Suchthilfe in Hessen (COMBASS) – Grunddaten 2004. Frankfurt: Hessische Landesstelle für Suchtfragen.
Korf, D. J. (1997). Comparison of different estimation methods in the Netherlands. In EMCDDA & Council of Europe (Eds.), Estimating the prevalence of problem drug use in Europe (Scientific Monograph Series Nr. 1, pp. 199-214). Lissabon: EMCDDA.
Kraus, L. (Hrsg.) (2008). Epidemiologischer Suchtsurvey 2006. Repräsentativerhebung zum Gebrauch und Missbrauch psychoaktiver Substanzen bei Erwachsenen in Deutschland. Sucht, 54 (Sonderheft 1), S1-S63.
Kraus, L., Augustin, R., Frischer, M., Kümmler, P., Uhl, A. & Wiessing, L. (2003). Estimating prevalence of problem drug use at national level in countries of the European Union and Norway. Addiction, 98, 471-485.
Kraus, L. & Augustin, R. (2001). Repräsentativerhebung zum Konsum psychotroper Substanzen bei Erwachsenen in Deutschland 2000. Sucht, 47 (Sonderheft 1), S3-S86.
Pfeiffer-Gerschel, T., Kipke, I., Bartsch, G. & David-Spickermann, M. (2007). National report 2007 to the EMCDDA by REITOX National Focal Point Germany. New developments, trends and in-depth information on selected issues. Drug situation 2006/2007. München: Deutsche Referenzstelle für die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht.
Saß, H., Wittchen, H.-U., Zaudig, M. & Houben, I. (1998). Diagnostische Kriterien des Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen DSM-IV. Göttingen: Hogrefe.
Statistisches Bundesamt (2005a). Diagnosedaten der Patienten und Patientinnen in Krankenhäusern (einschl. Sterbe- und Stundenfälle). Fachserie 12, Reihe 6.2.1. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt.
Statistisches Bundesamt (2005b). Diagnosedaten der Patienten und Patientinnen in Vorsorge- oder Rehabilitationseinrichtungen. Fachserie 12, Reihe 6.2.2. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt.
Strobl, M., Klapper, J. Pelzel, K.-H., Bader, G., Zahn, H. & Lange, S. (2005a). Suchthilfestatistik 2004 für Deutschland. Tabellenband für ambulante Einrichtungen. Alle Bundesländer. Bezugsgruppe: Alle Klienten. München: IFT Institut für Therapieforschung.
Strobl, M., Klapper, J. Pelzel, K.-H., Bader, G., Zahn, H. & Lange, S. (2005b). Suchthilfestatistik 2004 für Deutschland. Tabellenband für stationäre Einrichtungen. Alle Bundesländer. Bezugsgruppe: Beender. München: IFT Institut für Therapieforschung.
World Health Organization (1992). The ICD-10 classification of mental and behavioural disorders: clinical descriptions and diagnostic guidelines. Geneva: World Health Organization.









