Expertise zur Prävention des Substanzmissbrauchs
  

Bühler, A. & Kröger, C. (2006). Expertise zur Prävention des Substanzmissbrauchs (Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung Band 29). Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.
 

  Ziel der Expertise ist es, die Wirksamkeit von Maßnahmen zur Prävention des Substanzmissbrauchs anhand von qualitativ hochwertigen Reviews und Meta-Analysen zu beurteilen. Wirksamkeit wird hier definiert als Verhinderung, Verzögerung oder Reduktion des Konsumverhaltens von Tabak, Alkohol, Cannabis und anderen illegalen psychoaktiven Substanzenbei Kindern und Jugendlichen. Sowohl Maßnahmen der Verhaltens- als auch der Verhältnisprävention werden berücksichtigt. Angestrebt werden Schlussfolgerungen zur Effektivität von Maßnahmen, die in unterschiedlichen Settings angesiedelt sind sowie substanzspezifische Schlussfolgerungen. Den Schlussfolgerungen wird eine Evidenzstärke zugewiesen. Aussagen zu geschlechtsspezifischer Wirksamkeit und negativen Folgen von Suchtprävention sowie zu Effizienz werden formuliert. Neben dieser Hauptaufgabe wird der theoretische Hintergrund der effektiven Maßnahmen dargestellt und beurteilt.

Für den Zeitraum 1993 bis 2003 wurden 49 Veröffentlichungen systematisch identifiziert und ausgewählt (8 Metaanalysen, 22 systematische Reviews, 13 unsystematische Reviews, 4 Best-Practice-Übersichten, 2 Sonstige). Die Arbeiten wurden anhand eines Kodierrasters von zwei Beurteilern unabhängig voneinander inhaltlich und methodisch eingeschätzt. Die Schlussfolgerungen wurden gemeinsam formuliert. Jede Schlussfolgerung erhielt einen Evidenzstärkegrad und wurde mit einem Hinweis versehen, auf welchen Arbeiten sie basiert. Die Stärke der Evidenz für die Schlussfolgerungen reicht von A (Ergebnisbasiert auf einer Meta-Analyse mit hochwertigen Studien) über B (systematischer Review mit hochwertigen Studien) und C (Meta-Analyse oder systematischer Review mit allen Studien) bis D (unsystematischer Review), E (Einzelstudie oder Ergebnis wird anhand empirischer Befunde diskutiert) und F (widersprüchliche Befundlage zwischen Reviews).

Unter Berücksichtigung dieser Evidenzgrade kann empfohlen werden,
· in der Familie umfassende Maßnahmen, d.h. kombinierte Eltern-, Kinder- und Familientrainings, anzubieten (v. a. Alkohol, Evidenzgrad D)
· in der Schule interaktive, auf dem Modell dessozialen Einflusses oder der Lebenskompetenz aufbauende Programme durchzuführen (alle Substanzen, Evidenzgrad A)
· in der Schule keine alleinige Informationsvermittlung, alleinige affektive Erziehung oder anderweitige nicht interaktive Maßnahmen durchzuführen (alle Substanzen, Evidenzgrad A).
·Medienkampagnen als flankierende Maßnahmen und nicht als alleinige Maßnahme einzusetzen (Tabak, Evidenzgrad C)
· über gesetzgeberische Maßnahmen den Preis von Substanzen (Tabak, Alkohol, Evidenzgrad C, D) und die legale Altersgrenze des Konsums (Alkohol, Evidenzgrad B) zu beeinflussen.

Für das Handlungsfeld Freizeit konnten keine Schlussfolgerungen gezogen werden. Hinsichtlich der kommunalen Suchtprävention (Community) besteht noch eine widersprüchliche Befundlage.
Weitere Ergebnisse der Expertise sind:
· Suchtpräventive Maßnahmen können im Einzelfall auch zu einem nicht intendierten Effekt führen, so dass mehr konsumiert wird.
· Zur Abschätzung der Effizienz (Kosten-Nutzen-Analyse) gibt es keine ausreichende Grundlage an Einzelstudien und Übersichtsarbeiten.
· Wenn es einen Geschlechtsunterschied gibt, dann profitieren möglicherweise Mädchen eher von bisherigen suchtpräventiven Ansätzen.
· Es steht viel theoretisches Wissen für die Entwicklung von Maßnahmen in unterschiedlichen Handlungsfeldern bereit, seine Umsetzung wird aber selten überprüft.

Diskutiert wird die Schwierigkeit, von Seiten der Wissenschaft zu bestimmen, welche Maßnahmen bevorzugt werden sollten. Die Kombination von Verhaltens- und Verhältnisprävention wird favorisiert. "Konsumverhalten"als das alleinige Effektivitätskriterium für suchtpräventive Maßnahmen wird kritisiert. Schließlich wird der Stand der Suchtpräventionsforschung im deutschsprachigen Raum eingeschätzt und nächste notwendige Schritte für Praxis und Forschung aufgezeigt.
 
Buehler_Kroeger_2006_Praeventionsexpertise.pdf

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